Begegnungen

Ich kann ich es mir nicht erklären. Schon das zweite Mal in diesem Jahr, spricht mich eine Frau an, die in meinem Alter ist oder kaum älter als ich sein kann. Es geht weder um die Uhrzeit noch handelt es sich um eine Frage nach dem Weg.

Die heutige Begegnung erlebte ich in der U-Bahn, auf dem Weg nachhause. Es ist Feierabend-Zeit, die U-Bahnen sind gut gefüllt. Ich lese gerade die letzten Seiten des Buches „Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“ von John Irving, sinniere noch ein wenig über das Buch nach und verstaue es schließlich in meiner Handtasche. Mir gegenüber sitzt eine Frau, rot gefärbtes Haar, eine Brille mit auffallend dicken Gläsern, Kleidung, die nicht meinen Geschmack trifft. Sie versucht zu telefonieren, der Empfang scheint schlecht zu sein und so wandert  ihr Mobiltelefon in ihre Handtasche. In diesem Moment sieht sie mir ins Gesicht, unsere Augen treffen sich kurz, wie es einem ständig in der U-Bahn passiert. Man registriert sein Gegenüber für einen Sekundenbruchteil und hängt schon wieder den eigenen Gedanken nach.

Sie fragt mich, trotz der freundlichen Computer-Stimme und des Bildschirmes, die die nächste Haltestelle ankündigen, ob Nordostbahnhof die nächste Haltestelle sei. „Es ist Schoppershof“, antworte ich ihr. Sie fahre nicht so oft Bahn. Ein nervöses Lachen begleitet diesen Satz. Ich zeige auf den Bildschirm: „Auf den Screens kann man sehen, wohin die Fahrt geht. So können Sie sicher sein, Ihre Haltestelle nicht zu verpassen.“ Offensichtlich ignoriert sie meinen Hinweis, denn als nächstes fragt sie mich, ob ich nun nach Hause ginge. Ich bejahte dies, war schon im Begriff aufzustehen, weil meine Haltestelle ja schon gleich kommt. „Ich arbeite in einer Bäckerei, da hat man ständig andere Schichten. Heute bin ich etwas früher nach hause gegangen, so wie Sie auch“ strahlt sie mich an. Kurz irritiert sehe ich auf die Uhr, denn mein Arbeitstag endete eher später als früher. „Na ja, aber man gewöhnt sich doch daran“, sage ich in einem wohlwollenden Ton. Sie scheint diese Meinung nicht zu teilen und entgegnet: „Das schon. Morgen fange ich wieder etwas früher an mit der Schicht.“ Ich wusste nun wirklich nichts darauf zu sagen, meine Verwirrung war komplett, die U-Bahn erreichte bereits meine Haltestellte und so verabschiedetet ich mich: „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Feierabend!“ Ihre Antwort: „Ja, danke, Ihnen auch – hoffentlich bis morgen!“ In meinem gewohnten Tempo gehe ich zur Rolltreppe, drehe mich kurz um und sehe, wie die Frau in der abfahrenden U-Bahn, nun an der Tür stehend, in meine Richtung winkt.

Was hatte das zu bedeuten?

Mir ging diese Begegnung nicht mehr aus dem Kopf. Welche Signale sandte ich dieser ungewohnt aufgeschlossenen Frau? War ich womöglich zu abweisend? Warum sprach sie gerade mich an? Es saßen noch zwei andere Frauen neben uns.

An welcher Haltestelle ist sie zugestiegen? Saß sie schon in der U-Bahn als ich zustieg? Falls ich sie morgen wirklich treffe, erkenne ich sie dann wieder? Ich kann mich schon nicht mehr so genau erinnern, wie ihr Gesicht aussieht.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich in den Toilettenräumen in unserem Bürogebäude. Ein wahrlich seltsamer Ort für ein Gespräch. Ich wusch mir gerade die Hände und blickte kritisch in den Spiegel. Seit dem Morgen war ich unzufrieden mit meiner Frisur.

„Ja, hallo!“ ertönt es plötzlich neben mir. Eine kleine Frau, mit schlecht gefärbtem rotem Haar steht neben mir. Die Hände in die Hüften gestemmt strahlt sie mich an, als würden wir uns schon ewig kennen. Ich grüßte zurück und war schon wieder mit meinen Haaren beschäftigt. „Wie geht’s?“, fragte die Frau. Ich drehte mich zu ihr um und antwortete, dass es mir gut ginge. Aus Höflichkeit fragte ich natürlich nach ihrem Wohlbefinden. „Ach, wissen Sie, geht schon“, die Nase gerümpft, die Lippen gekräuselt fährt sie fort, „Ich war nun schon zweimal beim Arzt, wegen der Nierensteine. Die wollen einfach nicht raus. Es tut sehr weh, wenn ich zur Toilette muss. Kennen Sie das?“ Ich überlegte kurz, was ich nun sagen könnte, um dieses Gespräch schnell zu beenden. Mehr als ein „Nein, das kenne ich zum Glück nicht“, fiel mir nicht ein. „Da haben Sie Glück. Ist keine angenehme Sache. Morgen muss ich noch einmal zum Arzt. Ich trinke nicht genug, sagt der Arzt. Trinken Sie viel?“ Meine Antwort: „ja, ich habe mit dem Trinken keine Probleme. Gutes Stichwort, mein Kaffee dürfte nun schon durchgelaufen sein. Ich muss…“ – „Ja, ich höre Sie immer lachen an der Kaffeemaschine. Sie scheinen nette Kollegen zu haben. Das ist viel wert. Meinen Sie, ich bekomme die Nierensteine noch los?“ Diese Frage erschütterte mich etwas.

Was ist darauf die richtige Antwort?

Ich sprach ihr Mut zu, sagte Floskeln wie „Das wird schon, Sie werden sehen“ und „Positives Denken hilft der Medizin“ und beendete meine Floskel-Attacke mit „…ich muss wirklich zurück ins Büro. Gute Besserung!“

Ich verließ fluchtartig die Toilettenräume und war sehr erleichtert wieder am Schreibtisch zu sein. Mein Kollege lachte kurz über meinen Gesichtsausdruck und fragte: „Was ist mit dir los? Hast du einen Geist gesehen?“

Auch nach dieser Begegnung fragte ich mich, ob ich richtig reagiert habe. Offenbar ist auch diese Frau eine aufgeschlossene Person, die ganz natürlich die Menschen anspricht, denen sie regelmäßig begegnet.

Es könnte aber auch, dass die beiden sich kennen. Immerhin haben beide die gleiche Haarfarbe, auch die Kleidungsstile passen zueinander. Nun könnte ich eine wilde Verschwörungstheorie beschreiben. Ich werde für alle Fälle, diese Begegnungen im Hinterkopf behalten…

Ich frage mich, warum diese beiden Frauen so viel Interesse an meinem Leben und meiner Meinung haben, dass sie mich ansprechen. Einfach so, offen und vertrauensvoll. Ich frage mich auch, ob ich durch meine Verwirrung in diesen Momenten, die beiden verletzt habe. Immerhin haben sie mutig das erste Wort ergriffen, sind auf einen fremden Menschen zugegangen. Verwundbarer kann man kaum sein, einem Fremden gegenüber.

Wenn ich U-Bahn fahre, lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Ich bin so vertieft in ihnen, dass ich nur wenig davon bewusst wahrnehme, was um mich herum geschieht. Beim Lesen ist es sogar noch schlimmer, denn ich tauche vollständig in diese Welt ein. Nicht nur einmal bin ich an meiner Haltestelle vorbei gefahren, weil ich in ein Buch vertieft war.

Es gibt allerdings auch Tage, an denen ich ganz bewusst die Menschen um mich herum wahrnehme. In der U-Bahn, auf der Straße, an der Kasse – egal, wo. Ich betrachte die Leute, beobachte, was sie tun, höre zu, was sie sagen. Damit habe ich vor einigen Jahren begonnen. Ich wollte herausfinden, ob ich in der Lage bin, Menschen zu beobachten ohne im selben Moment ein Urteil zu fällen. Ich habe mich gefragt, wie vorurteilbehaftet ich bin. Mittlerweile überprüfe ich mich so, wie schnell ich zu Vorurteilen greife.

Unter dem Gesichtspunkt des Vorurteils frage ich mich, ob ich positiv genug auf die beiden Frauen reagiert habe. Zugleich aber auch gezeigt habe, dass ich im Moment an keinem Gespräch interessiert bin. Das scheint mir ein schwieriger Spagat, zwischen respektvollem Reagieren und gleichzeitigem Abgrenzen.

Der Grund für mein Desinteresse an den beiden Frauen ist die Kombination von Ort, Uhrzeit und Gesprächsthemen. Hinzu kommt, dass ich nicht damit rechne, einfach so angesprochen zu werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s