(Keine) Zeit zum Nachdenken

Es ist Montag und ich habe frei. Das könnte ich jede Woche aufs Neue erwähnen, denn es ist wirklich schön, von der montäglichen Hektik verschont zu sein. Meine Arbeitswoche beginnt am Dienstag und endet Samstag. Nun ja, das mag für viele ein Nachteil sein.

Heute bin ich allein zu Hause und denke: ein fauler Tag auf dem Sofa, das wäre mal wieder schön. Ich frühstücke in Ruhe und schaue verträumt aus dem Fenster. Ich spüre ein leichte Unruhe in mir. Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Im Radio höre ich den Wetterbericht, es soll heute maximal leichte Schauer geben. Die Temperaturen angenehm bei 17 Grad. Herrliches Wetter, denke ich. Nicht zu warm und nicht zu kalt für – ja, wofür eigentlich? Um auf dem Sofa zu lümmeln?

Ich wäge noch kurz ab, ob mir ein Wandertag weniger Spaß machen könnte und entscheide: Nein, Wandern ist besser.

Nach einigem Stöbern stoße ich auf eine Route, die recht interessant klingt: Traumpfade Fränkischer Dünenweg

Da ich heute kein Auto zur Verfügung habe, suche ich nach einer Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Leider gibt es auf den Strecken Baustellen und es fallen einige Linien komplett aus. Schade, dann verschiebe ich diese Route lieber. Stattdessen entscheide ich mich für eine 11-Kilometer-Tour mit dem klangvollen Namen „Vor den Toren der Südstadt„.

Meine neuen Wanderschuhe müssen eingelaufen werden – warum nicht heute? Die Route scheint ideal: Sandwege, teilweise asphaltiert, Waldboden.

Ein bisschen Proviant packe ich mir ein: Filterkaffee im Thermobecher von Emsa, ein Stück Gouda, Weintrauben. Eine süße und eine salzige Brezel kaufe ich am Hauptbahnhof beim Brezen Kolb.

Start der Tour ist Reichseldorf und ist mit der S-Bahn-Linie 2 zu erreichen ab Hauptbahnhof Nürnberg. Ich muss eine halbe Stunde warten, bis die nächste Bahn fährt.

Im Zug stelle ich fest, dass mein Handyakku bei ca. 30% ist. Ich denke noch: „Das wird reichen für die paar Kilometer. In 4 Stunden bin ich wieder zuhause.“

In Reichelsdorf angekommen, brauche ich erst einen Moment für die Orientierung um mein erstes Wandersymbol zu finden, die Jakobsmuschel. Diesem Symbol folge ich über die Vorjurastraße, in den Wald bis zum Main-Donau-Kanal. Ich gehe weiter immer Richtung Pillenreuth und kann schon bald aus der Ferne den Königshof sehen.

Im Online-Archiv des Nürnberger Stadtlexions lerne ich, dass der Königshof heute unbewohnt ist und nur noch als Unterstand für Tiere dient. Ende des 18. Jahrhundert wurde der Hof am Ufer des Weihers gebaut von Karl Wilhelm Welser. Die Einöde gehörte zur Gemeinde Worzeldorf. In den und wurde erst in den 1970er Jahren nach Nürnberg eingemeindet.

Kurz vor dem Gehöft, mache ich eine Kaffeepause und genieße die Aussicht. Ein weites Feld, Bäume in der Ferne und nur hier und da kommen Spaziergänger vorbei.

Hinter dem Hof geht der Weg weiter und hier verlaufe ich mich. Mitten durch den Wald schängelt sich ein Trampelpfad durch, der an einigen Stellen fast wie ein offizieller Weg aussieht. Unterwegs treffe ich ein Sonnengesicht, geschnitzt in einen Baumstamm. Leider habe ich keinen Vermerk des Künstlers gefunden. Wer hat das Gesicht gemacht?

Zwischen Sträuchern, Bäumen und Büschen hilft mir die GPS-Funktion meines Handys wieder auf den richtigen Weg. Schon bald komme ich an der nächsten Etappe, der Schleuse an. Jetzt ist klar, ich bin wieder auf meiner Route. Ich nehme mir etwas Zeit und gehe den alten Ludwig-Main-Donau-Kanal entlang. Seerosen ruhen auf der Wasseroberfläche.

Weiter geht der Weg mit dem Wandersymbol grüner Punkt – in den Wald hinein. Die Augen nicht auf dem Weg sondern auf die Natur gerichtet. Hier und da verlasse ich den Weg und gehe zwischen den Bäumen entlang. So viel zu entdecken! Eine kleine Pause mache ich zwischen Stock und Stein. Mein Proviant ist nun aufgegessen, es bleibt noch ein bisschen Wasser.

Mit meinem Samsung S5 fotografiere ich fast jeden Meter, denn heute bin ich besonders verzaubert von der Natur. Unterwegs komme ich an einem Kohlemeiler vorbei und einem Sandbad. Lehrpfade gibt es zahlreiche in der Gegend und ich schätze das sehr. Es dauert nicht lange, bis ich feststelle, dass ich im Kreis gelaufen bin und wieder vor der Schleusenbrücke stehe.

Oh je! Mein Akku zeigt nur noch 5% an und jetzt wird mir auch bewusst, dass es schon recht spät ist. Andere Spaziergänger sind kaum noch zu sehen. Die ursprünglich 4 Stunden bis ich zu Hause bin, habe ich schon erreicht. Es ist kurz vor 17 Uhr und mein Magen meldet sich.

Ich überlege nicht lange, sondern mache mich auf den Weg Richtung Wohnhäuser – sicher fährt hier ein Bus Richtung Hauptbahnhof. Als ich am Falkenheim, in der Nähe vom Südfriedhof ankomme, ist mein Handy in den Energiesparmodus gewechselt. Mit dem Bus fahre ich bis Langwasser, steige dort in die U-Bahn ein und wechsel am Hauptbahnhof in die Tram. Zuhause angekommen, bin ich so hungrig, dass ich zum Kochen keine Motiviation mehr habe. Eine Brotzeit reicht heute.

Bevor ich schlafen Weisheit in Steingehe, lasse ich die heutige Wanderung noch einmal vor meinen Augen aufleben und betrachte die Fotos. Viele sind leider nicht gut geworden, aber sie zeigen deutlich, wie schnell das Tageslicht sich schon verändert hat.

Mein letzter Gedanke des heutigen Tages gilt dem Satz, den ich auf einem Stein entdeckte: „Zeit zum Nachdenken! Vor dir der Beginn des Aufschwungs, hinter dir das Resultat. Wohin soll das noch führen? Zeit zum Nachdenken“ (r.zeh Lebensraum Regenwald e.V.)

 

Nachgedacht habe ich heute gar nicht. Ich habe mich ganz auf den Weg eingelassen und keinen Gedanken an Alltägliches verschwendet.

 

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