Es gibt Musik im Paradies

Um 4:15 Uhr morgens erlischt die Straßenlaterne vor unserem Ferienhaus im Süden Sardiniens. Die Sonne hat es noch nicht hinter dem Berg herauf geschafft und es ist noch dunkel. Der erste Weckruf erklingt um 4:23 Uhr – ein zaghaftes Tschirpen. Schon wenige Minuten später stimmt der erste Solist melodisch ein und singt sich warm bis um 5:30 Uhr bereits der halbe Chor fröhlich einstimmt.

Vogelgezwitscher – ein so nettes Wort. Wir mögen das fröhliche Trällern der kleinen Tierchen, denn es kündigt den Frühling an und begleitet den Sommer. So sagt man. Heute stimme ich dieser Aussage nicht ganz zu.

PalmeDie große Palme im benachbarten Garten ist Musikzimmer, Schlafraum und Wohnzimmer unzähliger Singvögel. Ihr Zwitschern und Flattern ist eher belebend als beruhigend, so dass ich mich für ein frühes Aufstehen entscheide.

Es ist noch kühl auf der Terrasse während ich eine Tasse Kaffee trinke und den Sonnenstrahlen zu sehe, wie sie sich über die Hügel tasten.

Gegenüber steht ein Laubbaum vom dem ein Vogel, der wie eine Amsel aussieht, in den Palmen-Chor einstimmt. Die erste Katze schleicht um den Garten herum, wohl wissend, dass ich sie wieder verjage. Ja, ich verjage Katzen, obwohl ich ein Katzenfreund bin. Doch Wildkatzen füttere ich genauso wenig wie Wildschweine oder Füchse.

Es ist der dritte Tag auf der Insel und so langsam komme ich an im Paradies mit weißem Strand und türkis-blauem Meer. Nur sehr wenige Touristen bevölkern das Feriendorf an der Costa Rei, in dem wir ein Ferienhaus gemietet haben. Jetzt, in der Vorsaison sind sogar die Geschäfte sind zum Teil noch nicht wieder in Betrieb. Ich mag die Vorsaison-Zeit. Es ist noch ruhig am Morgen und Abend während tagsüber geschäftig repariert und renoviert wird.

Man trifft in dieser Zeit viele Einheimische, die gut gelaunt ein „Buongiorno“ herüber rufen und winken. Sie kennen sich untereinander und plappern munter quer über die Straße, von Gartenzaun zu Autofenster und von Balkonbalustraden hinunter bis zur Straße. Selbst in der Mittagszeit wird hier gewerkelt, denn es ist für sardische Verhältnisse noch kühl.

Erst gestern sprach uns ein älterer Herr an, in Deutsch, und fragte, wie es uns auf Sardinien gefiele. Er erzählte, dass er in den 50er Jahren nach Deutschland zum Arbeiten auswanderte und jetzt als Rentner die Sommer in der Heimat verbringt. Seine Familie besitzt hier im Dorf ein Ferienhaus, was er pflegt, denn er hat ja Zeit. Gearbeitet hat er in fast allen Himmelsrichtungen Deutschland als Montagearbeiter für eine Baufirma. Es ist eine Geschichte, in der sich wohl jeder wiederfindet, der als junger Mensch als Gastarbeiter nach Deutschland kam und jetzt, 40 Jahre später, als Rentner ein großes Heimweh verspürt. Nach diesem kurzen Plausch, geht er wieder in seinen Garten und bringt die Hecke in Form.

Mittlerweile ist es 7 Uhr, der erste Nachbar öffnet das Fenster und winkt. Ich entscheide mich für eine zweite Tasse Kaffee und finde es ganz wunderbar, hier auf der Terrasse.  Fürs Frühstück ist es noch zu früh, mein Mann schläft noch und scheint die trällernden Vögel gar nicht zu bemerken. Während ich ihnen so zuhöre kommt mir der Gedanke, dass es sich anhört, wie ein großer Saal Menschen, die sich unterhalten. Wie in einem großen Restaurant, einer Mensa oder Bahnhofshalle.

Plötzlich spüre ich eine Hand auf meiner Schulter und ich zucke zusammen. Ich habe gar nicht gehört, dass mein Mann aufgestanden ist, so versunken war ich in den Vogelstimmen. Vielleicht kann ich mich noch an die tägliche musikalische Unterhaltung gewöhnen.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s