Es klappert im Regal

Es ist Dienstag. Mitten in der Woche. Beim Blick aus dem Fenster stelle ich fest, ich bin im Moment in Bezug auf Hausarbeit wenig motiviert. Vor mir stehen zwei volle Körbe Wäsche. Diese Wäsche möchte gebügelt, zusammengelegt und in den Schrank geräumt werden.

Ich stehe also vor dem Bügelbrett, schalte das Eisen ein und während ich warte, bis es heiß ist, wandern meine Augen durch den Raum.

Da hinten, im Flur hat sich etwas bewegt! Ich muss gleich nachsehen! Aufgereiht stehen meine Sneaker und Sandalen neben meinen Wanderschuhen. Nichts zu sehen, was sich bewegt haben könnte. Vermutlich ein Licht-Schatten-Spiel.

Ich beginne also eine Bluse zu bügeln, sehe ab und zu aus dem Fenster und beobachte einen Vogel, der vom Kirschbaum zur Balkon-Ballustrade und zurück fliegt. Zwei-, dreimal macht er das. Er zwitschert vor sich hin, wirkt irgendwie vergnügt. Gut hat er es, der Vogel. Fliegt einfach so herum. Hin und her.

Ich lasse weiter meine Gedanken laufen und mein Blick wandert erneut durch den Raum in Richtung Arbeitszimmer. Mein Schreibtisch ist kaum zu sehen, denn es türmen sich Ordner und Grußkarten, die ich noch beantworten möchte. Ich könnte natürlich an den Schreibtisch gehen und das Bügeln für heute einstellen. Immerhin habe ich schon zwei Blusen fertig und den Rest kann ich ja auch morgen machen… Na gut, dann heute eben Papierkram erledigen, wenn ich schon einen freien Nachmittag habe, soll der doch gut genutzt werden.

Ich schalte also das Bügeleisen aus und drehe mich gerade Richtung Arbeitszimmer, als ich im Augenwinkel wieder eine Bewegung im Flur registriere. Was soll sich denn da bewegen! Etwas belustigt über mich selbst, sehe ich mir das kleine Schuhregal an. Man könnte doch meinen, meine Wanderschuhe stehen etwas weiter raus als die anderen Schuhe. War das gerade auch schon so? Das Gewohnheitstier in mir sagt: „Niemals! Die Schuhe stehen immer an der gleichen Position!“. Der Verstand sagt mir, dass ich mir das alles einbilde. Meine Idee war es, jetzt den Schreibtisch in seinen Normalzustand, der da heißt aufgeräumt und übersichtlich, zu bringen. Es ist äußerst untypisch, dass mein Schreibtisch länger als einen Tag unordentlich ist.

Im Arbeitszimmer sortiere ich also die Ordner und die Unterlagen der letzten zwei Wochen ein. Stelle fest, dass es gar nicht so viel ist, was aufzuarbeiten ist und lasse meine Gedanken wieder wandern. Völlig in Gedanken versunken, höre ich, wie es klappert im Flur. Was ist denn los heute! Als ich nachsehe, liegt doch tatsächlich der linke Wanderschuh vor dem Regal. Es ist sonnenklar, es muss eine Maus oder ähnliches in meiner Wohnung umherflitzen.

Mit einer Fliegenklatsche in der einen und einem Eimer in der anderen Hand durchsuche ich die Wohnung. Es gibt nicht viele Stellen, wo sie sich verstecken könnte. Zu finden ist keine Maus. Nach einer halben Stunde lache ich mich selbst aus, räume Eimer und Fliegenklatsche zurück in die Abstellkammer. Gerade als ich meinen Wanderschuh wieder an seinen Platz stellen möchte, denke ich: Wenn ich doch völlig von meinen Plan Bügelwäsche abgekommen bin und eine halbe Stunde mit der Suche nach einer Maus verbracht habe, die es vermutlich gar nicht gibt, dann ist jetzt der Moment gekommen, meinem Tag den richtigen Sinn zu geben.

Zack, Wanderschuhe an, der kleine Rucksack steht immer bereit und es finden eine Flasche Wasser und ein Apfel darin Platz. Ich trete aus dem Haus und überlege, welche Richtung ich heute einschlage. Ein leiser Wind weht nach links. Also gehe ich nach links, immer gerade aus. Ich lasse das Ortsschild hinter mir und damit auch die alltäglichen Pflichten und Routinen. Der Wind treibt mich zum Wald. Die Sonne blinzelt immer wieder hinter dicken Wolken hervor. Der Waldboden ist feucht und ein Rinnsal Wasser teilt den Weg. Es ist niemand unterwegs, man hört aus der Ferne nur die Autos. Irgendwann stelle ich fest, dass ich dem Wanderzeichen „roter Wanderschuh“ folge. Es ist das Wanderzeichen für den Tauber Panoramaweg. Schön, dann habe ich nun eine Strecke! Kurzer Blick auf den GPS-Tracker und die Uhrzeit, damit ich rechtzeitig umkehre.

So wandere ich durch den Wald und bin froh, dass ich die freie Zeit hier verbringe. Der Weg ist geschottert und sehr breit, so dass ich gut vorankomme.

Nach drei oder vier Kilometern zeigt das Wanderzeichen nach links auf einen Trampelpfad, der offenbar schon länger nicht genutzt wurde. Ich biege ab und freue mich noch über den Weg über Stock und Stein, als die Dornengewächse immer dichter und die Farne immer höher werden. Leichtsinnigerweise bin ich heute kurzärmelig losgegangen und nun stehe ich vor einem langen Dornenarm, der mitten über dem Weg im Wind hin und her schwingt. Dahinter ist der Pfad noch viel mehr zu gewachsen. Ich entscheide mich umzukehren. Ich mag weder Dornen noch Zecken und vertage diesen Abschnitt auf ein anderes Mal, wenn ich besser vorbereitet bin.

Zurück auf dem Schotterweg geht es weiter bergauf, Sonnenstrahlen tanzen zwischen den Bäumen. Kein Tier zu sehen, weit und breit. Dafür eine Vielzahl an Insekten. Regungslos sitzen sie auf Blättern und Blüten und saugen die Sonnenstrahlen in sich auf. Eine Vielzahl an Hummeln ist unterwegs. Ich beobachte eine dabei, wie sie auf einer Blüte landet und fleißig ihr Tagwerk verrichtet. Versonnen wandere ich weiter und prüfe kurz meinen Standort und die Uhrzeit. Jetzt am späten Nachmittag, plagen mich Mücken, Fliegen und ein kleiner Hunger. Der Apel wird bis zu Hause reichen.

Auf dem Rückweg fange ich noch ein Bild ein von einem Schmetterling, der seine Farbenpracht zeigt.

Zuhause angekommen bin ich erholt und voller Energie. Noch vor dem Schlafengehen ist der alles gebügelt. Zufrieden gehe ich zu Bett und schlafe schnell ein.

 


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